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Der gläserne Rentner

Ich laufe durch die Fußgängerzone und biege zum Marktplatz ab. Verwundert bleibe ich vor einem vorher nicht da gewesenen Objekt stehen. Es sieht aus wie eine Telefonzelle aus längst vergangenen Zeiten und hat noch die leuchtend gelbe Farbe der Post. Drinnen sitzt ein älterer Herr und an der Vorderseite hängt ein Schild: „Der gläserne Rentner“. Donnerwetter, denke ich, das ist ja mal interessant. Was macht der denn da? Kurz entschlossen schaue ich mir das Ding aus der Nähe genauer an. An einer Seite wurde das Glas durch eine Plexiglasscheibe ersetzt, in welcher auf Augenhöhe kleine Löcher sind, so wie früher an Bankschaltern. Darunter befindet sich ein Schlitz, durch den man Gegenstände stecken kann. Ein weiteres Schild besagt: „Spenden willkommen!“

Der Herr sitzt relativ bewegungslos da und trinkt Kaffee aus einem der wieder verwendbaren Becher, die es jetzt wegen der Mülllawine in der Stadt gibt. Er lächelt mich freundlich an und deshalb frage ich: “Ja was machen Sie denn da?“ Er antwortet verschmitzt: „Ich bin ein Kunstobjekt.“ Während der weiteren Unterhaltung stellt sich heraus, dass es längerer Planung bedurfte, um dieses außergewöhnliche Projekt in die Tat umzusetzen. Er hatte über einen Freund erfahren, dass alte Telefonzellen verschrottet werden sollten und eine davon preiswert erstanden. Er nahm Kontakt zum Leiter des örtlichen Kunstmuseums auf – und so entstand die Idee. Mit einem kleinen Kranwagen wurde das Ding transportiert und eine Genehmigung vom Ordnungsamt eingeholt.

„Am Anfang saß ich den halben Tag hier, aber jetzt nur noch stundenweise, z.B. Samstags, wenn viel los ist. Ich hänge dann immer ein Schild auf: „Nächste Besichtigung um ….. Uhr“. Er berichtete, dass alles Mögliche passiere. Jugendlich blieben stehen und machten Fotos, gerne auch mit Freunden links und rechts. So sei er über die neuen sozialen Netzwerke bis in eine Zeitung in Japan gelangt und demnächst habe sich ein Fernsehteam angesagt. Manchmal sei er auch schon beschimpft worden, er solle doch „was Richtiges machen“ oder „anständige Bürger in Ruhe lassen“. Häufig komme er mit älteren Damen ins Gespräch, die ihn nach Hause zu Kaffee und Kuchen einladen wollten. Nein danke, er lebe gerne alleine.

Vor kurzem sei ein Beamter vom Finanzamt dagewesen und habe ihn darauf hingewiesen, dass die „Spenden“ (immerhin 20-30€ pro Tag) zu versteuern seien! Dass er ein Kunstobjekt sei, sei hier keine Ausrede, aber manche Zeitgenossen hätten es zum Anlass genommen, die Telefonzelle mit Eiern zu bewerfen oder mit Farbe zu verschmieren, wahrscheinlich in der Nacht. Im Sommer sei er schon in Badehose dagesessen und bei großer Hitze auch vor der Tür. „Schamlos – mitten in der Stadt!“, so oder ähnlich seien die Kommentare gewesen. Im Winter nehme er immer eine Wärmflasche unter dem dicken Mantel mit.

Es wurde mir zur lieben Gewohnheit, den Rentner mit Namen Erwin zu seinen „Besichtigungszeiten“ aufzusuchen und mit ihm zu plaudern. Er war ja nur 7 Jahre älter als ich. Seine Beschäftigung erschien mir mindestens ebenso sinnvoll wie im Keller herumzuschrauben oder Gartenarbeit zu machen. Er kam mit anderen Menschen in Kontakt und erlebte regelrechte Abenteuer. Als ich mich schon regelrecht an ihn gewöhnt hatte, hing eines Tages ein grellrotes Plakat an der ehemaligen Telefonzelle:

„BIN UMGEZOGEN – MAN KANN MICH JETZT IM FRIEDWALD BEI BAUM NR. 4736 BESUCHEN. MACHEN SIE EINEN SPAZIERGANG IN IHRE EIGENE ZUKUNFT!“

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© Reinhard Walter

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