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Der Radfahrer, Die Strassenbahn und der Segeltörn

Sie schauten sich abgrundtief in die Augen. Die gestellte Frage war so bedeutsam gewesen, dass sie nicht sprechen konnten. Der Blick des Mannes in der weißen Jacke drückte einerseits Sicherheit aus, andererseits aber auch das Ringen um die Formulierung der Antwort. Die Frau ihm gegenüber hatte rastlose Pupillen, weil ihr das Entsetzen in Mark und Bein gefahren war. Vor kurzem noch waren die Tage abgerollt wie ein Kalenderblatt, das achtlos abgerissen wird. Plötzlich der zuckende Schmerz tief in den Eingeweiden.

Der Herr Doktor öffnete kaum merklich die Lippen, zündete eine Zigarette an, und sagte endlich:“ Ich bin nicht derjenige, der über Leben und Tod entscheidet. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Chemotherapie…“ Er wurde abrupt unterbrochen, denn die kreidebleiche zerbrechliche Person stellte erneut die Frage: „Wie lange noch?“

Wiederum brauchte der Arzt lange Minuten, um zu antworten. Er wischte sich ein paar Schweißperlen von der Stirn und erwiderte: „Wir machen noch eine zweite Operation. Alle Metastasen werden wir nicht wegbekommen. Vielleicht acht bis zwölf Monate.“ Damit war endlich das Wesentliche gesagt, und man trennte sich nach ein paar weiteren belanglosen Sätzen.

Die Patientin war natürlich völlig schockiert über die Nachricht ihres nahenden Endes. Dieses Gefühl kann sich sicherlich niemand vorstellen, der es nicht am eigenen Leib erfahren hat. Aber nach ein paar Tagen war sie wild entschlossen, die noch verbleibende Zeit zu genießen, die Welt kurz vor dem Abschied noch einmal umso intensiver zu entdecken. Sie war ja erst 48 Jahre alt! Auf dem mehrwöchigen Segeltörn durchs Mittelmeer saugte sie die Eindrücke in sich auf wie ein sterbender Baum, der im letzten Jahr eine nie dagewesene Blütenpracht entfaltet. Sie lebte – vielleicht aufgrund dieser neu gewonnenen Intensität – noch drei Jahre.

Dem Doktor machten solche Situationen, in denen man andere Menschen von ihrem Ableben unterrichten musste, trotz aller Routine immer wieder schwer zu schaffen. Die Erwartung eines freien Wochenendes in einer intakten Familie tröstete ihn. Da tauchte aus heiterem Himmel ein Radfahrer mit hoher Geschwindigkeit auf und raste ihm voll in die Seite. Er fiel einen Meter nach rechts, mit einem stechenden Schmerz, der ihn bewegungsunfähig machte. Da bemerkte er etwas Kaltes, Metallisches an seinem Kopf. Das waren die Straßenbahnschienen. Und bevor die Passanten ihn wegzerren konnten, kam sie mit schrill quietschender Notbremse wie in Zeitlupe auf ihn zu. Noch ein, zwei Wimpernschläge… und der Zufall hatte ihn lange vor seiner Patientin hinweggewischt in die ewige Schwärze, in der das Leben nur eine lästige Krankheit darstellt.

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