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Endspurt

Ich kann den Kopf schon sehen! Eine gefährlich aussehende Schere hat ihm den Weg erleichtert. Nur noch einmal pressen. Die Frau schreit ohrenbetäubend. Und schon gleitet mein Sohn in diese Welt herein. Ein Endspurt zum Anfang. Ich darf die bonbonfarben-schillernde Nabelschnur durchschneiden. Das kleine nackte Wesen schreit nur kurz und schläft gleich ein. Der Arzt sagt: „Große Füße“.



Ich kann sie einigermaßen gut aus dem Rollstuhl hochheben. Das häusliche Pflegepersonal ist noch nicht eingetroffen. Meine Mutter umarmt mich halb klammernd halb vertraut. Still sitzt sie nun da. Ihr Sohn wird ihr den Hintern putzen, kaum 3 Monate nach der Geburt des eigenen. Nur dieses eine Mal, denn der Endspurt hat schon begonnen. Noch ein paar Tage Infusionen – immerhin im heimischen Bett – und sie ist entschlafen. Vor der Beerdigung sagt der Arzt: „Lieber nicht anfassen“.



Ich kann schon die Dämmerung erkennen. Die romantische nächtliche Kerze ahnt bereits den Endspurt in ihre Bedeutungslosigkeit. Die Frau liegt weich und regungslos auf meiner Schulter. Ich muss nun wegfahren, denn es ist verboten. Sie ist verheiratet. Noch ein paar Tage, Wochen, und dann die Erinnerung. Es gibt dafür keinen Arzt.




Ich kann nicht sprechen, nur röcheln. Der Arzt schaut in meinen Hals und entdeckt ein „Knötchen“. Kann es wirklich schon der eigene Endspurt nach fünfzig Jahren sein? Ich rauche weniger. Ich möchte noch sehen, wie die Füße meines Sohnes weiter wachsen. Ich muss Cortison inhalieren. Am Grab meiner Mutter stehe ich ohne zu beten. Sie hatte ihren Enkel einmal im Arm gehalten. Bei mir brennt immer eine Kerze. Für das Leben und die Liebe. Für die wesentlichen Dinge. Für den Anfang und das Ende.

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© Reinhard Walter

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